Ich stelle mich der Frage:

Gibt es etwas Gutes am Coronavirus? Hat die Pandemie einen Sinn?

Eine christlich ethische Betrachtung aus  Sicht eines Arztes. (M. Bell)

Die Corona Pandemie verändert die Welt. Ich möchte meine Eindrücke und Erfahrungen mit Ihnen teilen. Diese Erfahrungen wachsen in einem Entwicklungsprozess, es kommen im Laufe der Zeit immer neue Aspekte hinzu, so wie ja auch die medizinischen Erkenntnisse über die Infektion seit März 2020 immer detaillierter werden. Ich bearbeite diese Aspekte daher kontinuierlich weiter.

Ich möchte mich dem Thema widmen, in dem ich es mit verschiedenen Brillen betrachte; wie immer im Leben lohnt es sich, die Brille manchmal zu wechseln. Jede der Brillen für sich regt schon zum Nachdenken an. Keine dieser Brillen ist falsch; die Frage ist nur wohin sie mich führt, was macht eine Brille mit meiner Wahrnehmung von mir selbst und von anderen, führt sie mich auf einen guten Weg? Es freut mich, wenn auch Sie, der Leser dieses Textes zum Nachdenken angeregt werden.

  1. Die Brille der Verunsicherung und Zweifel und die Brille der Wahrheit.

Ich habe im Dezember und Januar gedacht, das ganze  beträfe uns nicht. China war weit weg. Kann man der chinesischen Berichterstattung überhaupt trauen? Sind Nachrichten aus China nicht zensiert? Bekommen wir serviert, was wir hören sollen? Nachrichten und Berichterstattung in den Medien haben schon vor langem ihre Unschuld verloren, nicht zuletzt durch den Begriff der Propaganda,  und das Vertrauen in unabhängige wahrheitsgemäße Recherche hat einen Makel, nicht erst seit Donald Trump den Begriff der Fake news populär gemacht hat. Was wir regelmäßig hören und sehen, das halten wir für wahr und richtig.  Und daraus ergeben sich unsere Handlungen. So funktioniert Werbung;  und ein ganzer Ausbildungsgang, die Wirtschaftspsychologie, nutzt die Kenntnisse der Psychologie um Menschen zum Kauf eines Produkts zu bewegen.  So wurden wir zum Sparen animiert in der Zeit der Bankenkrise 2008; und so werden wir zum Ausgeben von Geld animiert, wenn wir immer wieder hören, die Wirtschaft wachse und der „Geschäftsklimaindex“ sei gut. Seien wir uns also bewusst, dass Botschaften durch ständiges Wiederholen in uns einsickern. Die Brille des Zweifels lehrt uns: pass auf, hinterfrage was du hörst, sei skeptisch.

Mit einer aufmerksamen Grundhaltung steht man nicht allein, sondern befindet sich in guter Gesellschaft. Descartes sagte: „Zweifel sind der Beginn der Weisheit“, Paulus sagt in Thess 5: „Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und das Gute behaltet“, und Jesus sagt in Matth 7: „Hütet euch vor den falschen Propheten! Sie sehen aus wie sanfte Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Was  nützt uns das hier und heute? Ein aktuelles Beispiel, wie Wahrheitsbildung in der Medizin in der heutigen Zeit funktioniert, hat Richard Rox Anderson (Massachusetts Institute of Technology, Massachusetts General Hospital) schon 1985 kritisch so formuliert: „Wenn eine neue Technik oder Instrument durch Zeitungen, Fernsehen, Radio, Frauenmagazine oder andere Formen der Werbung in den Blickpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gebracht worden ist, dann ist die wissenschaftliche Auswertung vorüber und das Rennen hat begonnen. Der schnellste Weg, die Akzeptanz einer medizinischen Technik zu erzwingen, ist die Überzeugung der Öffentlichkeit, die dann umgekehrt die Ärzte überzeugt, die dann Zulassung und Einsatz der Technik einfordern. Wieder einmal ist die  Rationale «Wenn ich es nicht mache, dann wird es jemand anderes tun.»  Dies ist die neue wissenschaftliche Methodik in der Medizin.“ (zitiert bei G.Kautz- Energie für die Haut, 2018, S. 26, und bei C.Raulin – Laser und IPL 2. Auflage 2003 – S. 179).  

Bei vielen neu gehörten macht es sicher Sinn, es durch Brille des Zweifelns zu betrachten. Aber wir sollten diese  Brille nicht ständig tragen, sonst werden wir in Zweifeln ersticken. Wir sollten Sie immer wieder tauschen gegen die Brille der Wahrheit. Können wir also irgendwie erkennen was wahr ist? Man hat den Eindruck, es gebe mehrere Wahrheiten und Wahrheit wäre das, wovon eine größere Gruppe von Menschen überzeugt ist. Und die Anhänger verschiedener Wahrheiten neigen dann auch noch dazu, die anders denkenden zu diffamieren. Gibt es also eine Wahrheit, die unabhängig von den Interessen von Macht und wirtschaftlichem Erfolg steht – eine Wahrheit, die für alle gilt? Welche Früchte trägt diese Wahrheit?

Ja, ich meine, dass es diese Wahrheit gibt. Jesus sagt im Johannes- Evangelium „ich bin die Wahrheit und das Leben.“ Damit haben wir einen Maßstab, ein Instrument, mit dem wir immer und überall, auch in der Pandemie, alle Meldungen und Äußerungen überprüfen können: Wahr im Sinne Jesu, also im christlichen Sinne, sind diejenigen Nachrichten, die dem Leben dienen, die lebendig machen, die Mut machen, die Angst überwinden helfen, die Hoffnung geben, die das Falsche ans Licht bringen, die Trost spenden, die aus Hunger und Armut heraus führen, die satt machen, die Schwache aufrichten, die freie Meinungen zulassen, die die Menschen fördern in ihren Fähigkeiten, die anerkennen, die persönliche Zuwendung bringen, die Frieden schaffen, die sich für Verständigung einsetzen, die Waffen abbauen, die Vertrauen zwischen den Menschen aufbauen, die gegenseitige Rücksichtnahme als Ziel haben, die die benachteiligten in den Fokus nehmen, also die Armen, Kranken, Behinderten, die Ausgegrenzten und Entwurzelten, die die  Lebensumstände dieser Menschen offenlegen und verbessern wollen, die sich für ein Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur einsetzen, die Gesundheit bis in den letzten Winkel bringen wollen, die gesunde Lebensbedingungen ermöglichen wollen. Alles das sind wahre Nachrichten; um Jesu Sprache aufzugreifen: sie dienen der Verwirklichung des Reichs Gottes.  Alle anderen Nachrichten und Botschaften, die diese Punkte ignorieren, und dazu kämen noch das Darstellen von  Macht und Reichtum und Luxus als erstrebenswerte Ziele, das Verschweigen oder die Verharmlosung der Schattenseiten unseres sogenannten zivilisierten Lebens und das in Betracht ziehen von Gewalt zum Erreichen von Zielen (und seien diese Ziel auch noch so gut);  all solche Nachrichten wären im christlichen Sinne Fake news.

Mit dieser Brille lohnt es sich alle Nachrichten auf ihren (christlichen) Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, auch die vielen Nachrichten und die unzähligen Meinungen zum Thema Corona. 

Ich habe mich der Frage gestellt: Welche Meldungen und Meinungen dienen denn nun in der beschriebenen Weise dem Wohl der Menschen? Ich finde sie vor allem in den wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Ich finde es erstaunlich, unerwartet, dass unsere Regierung in der Pandemie in diesem Sinne, also im Sinne von „der Wahrheit dienend“ so schnell und so gut gehandelt hat. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“: die Früchte sind deutlich erkennbar, Deutschland kommt relativ glimpflich davon, die Zahl der Toten ist im Vergleich zu anderen Ländern gering, die Intensivstationen nicht überlastet. Ich würde mir wünschen, die Regierenden würden auch in anderen Bereichen so – der Wahrheit folgend- entscheiden. Etwa bei ihren Maßnahmen zur Reduktion von Luftschadstoffen, beim Abbau von Bürokratie, bei Deutschlands Rolle als Waffenexporteur, bei der Überernährung unserer Bevölkerung, beim Umgang mit Schlachttieren, bei Steuergerechtigkeit usw. Im Zusammenhang mit Corona aber war sie bis jetzt auf einem guten Weg.  

Also: seien wir nicht verzagt, wenn wir Verunsicherung in uns spüren. Unser Schöpfer hat uns einen Verstand gegeben, nutzen wir ihn. Im Hinblick auf Corona heißt das für mich und für unsere Praxis:  weiterhin vorsichtig sein, nicht nachlässig werden, Hygienemaßnahmen beibehalten, Hände waschen, Masken tragen usw., wir tragen dadurch mit dazu bei, andere zu schützen. Immer wieder begegne ich in der Sprechstunde Menschen, die dankbar sind für jeden gesunden Tag. Durch die Abstandsregeln und das Tragen der Masken leisten wir alle in der Praxis einen kleinen Beitrag, damit unsere Patienten weiter leben können. Das erfüllt mich mit tiefer Freude, das ist Leben, das ist Jesus Botschaft.

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2. Die Brille der Angst und die Brille des Muts:

Februar/ März: In Europa schlug es dann doch zu. Meine Mutter und Schwiegermutter gehören mit ihrem Alter von über 80 Jahren zu den Risikogruppen. Wie schlimm wird es werden? Werden Sie erkranken? Werden Sie es überleben? Kommen Sie mit der Isolation zurecht? Gehöre ich nicht auch zur Risikogruppe?  Die Nachrichten schüren Angst; täglich werden die neuen Entwicklungen gezeigt, im März nahezu rund um die Uhr. Nie zuvor in den letzten 70 Jahren hat ein einziges Thema die Nachrichten so dominiert. Angst ist ein tief in uns allen verwurzeltes Gefühl. Sie hat natürlich auch ihren Sinn, um uns vor Gefahr zu warnen. Wenn sie sich in uns ausbreitet, verändert sie uns. Aus Star Wars wissen wir: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Auch die Bibel kennt den Marsch von Angst zu Leid: schon ganz früh, schon sehr bald nach der Schöpfung: bei Kain und Abel; die Geschichte Kains steht für die Angst als Folge von Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung. Menschen sind als Bedürfniswesen geschaffen. Von Kain können wir lernen, wie wichtig es ist mit dieser Angst auf einer reife erwachsene Weise umzugehen, so dass sie uns nicht beherrscht, denn sonst werden wie handeln wie Kain. Wenn Angst uns steuert,  hat dies Folgen: wenn wir „erfolgreich“ sind erzeugt sie Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Habgier, Überheblichkeit, wenn wir nicht erfolgreich sind erzeugt sie Versagen, Minderwertigkeit, Depression, Armut. Angst führt dazu, dass wir opfern: unsere Zeit opfern wir dem Getriebe der Welt, wir opfern unser Leben – ganz offensichtlich im Krieg, wenn Soldaten unter Ausschaltung der eigenen Urteilsfähigkeit töten und getötet werden, aber auch nicht so offensichtlich sondern versteckt, wenn wir gestresst im Beruf sprichwörtlich bis zum Umfallen arbeiten, wir opfern unsere Gesundheit durch falsche Ernährung, durch Schichtarbeit und ständige Erreichbarkeit, wir opfern unsere Freundlichkeit und unser Mitgefühl, weil wir den Ausspruch „jeder sei seines eigenen Glückes Schmied“ zur Lebensphilosophie gemacht haben, wir opfern unser Familienglück, wenn wir uns um der Karriere willen gegen eigene Kinder entscheiden, wir opfern das Gefühl von Heimat bei uns selbst und bei unseren Kindern, wenn wir uns vom Ehepartner trennen, wir opfern unsere Selbstachtung wenn wir ins Kriminelle oder in die Obdachlosigkeit geraten usw.  Eugen Drewermann sagt: „Opfer ist der Ausdruck der Angst für eine verlorene Güte, die man nicht mehr glauben kann,  aber die man zurück zu erwerben hofft, indem man vom eigenen Glück ständig Abstriche macht.“ Was für eine Tragödie! Angst fordert Opfer, wir opfern etwas von uns selbst oder wir opfern andere. Die Angstbrille führt uns nie auf einen guten Weg. Professor Thorsten Dietz sagt: wenn Angst Dich leitet, dann läufst Du entweder weg oder Du schlägst um Dich. 

Auch in der Pandemie treibt Angst ihre Blüten: Gerüchte über mögliche Schuldige am Virus, Schuldige an der Ausbreitung, Schuldige am Mangel von Schutzausrüstung.

Gibt es denn einen Ausweg? Frisst die Angst unsere Seele? Wie wäre es, die Brille zu wechseln? Was würden wir mit der Brille Jesu sehen? Jesus sagt: verurteilt niemanden, denn ihr alle macht doch selbst Fehler (Joh 8,3-11), wenn ihr also jemandem wegen seines fehlerhaften Verhalten zur Besserung ermahnen wollt, dann beginnt bei euch selbst (Math 7,1-4).  und er sagt: In der Welt werdet ihr hart bedrängt. Doch ihr braucht euch nicht zu fürchten: Ich habe die Welt besiegt (Joh 16,33).

Jesus macht uns Mut zum Glauben. Glaube ist nicht das Gegenteil von Angst. Glaube ist Leben mit Angst, trotz Angst; im Vertrauen darauf dass es einen gibt, der immer etwas größer ist als alles was uns Angst macht.

Die Brille des Muts ist die Brille, mit der wir uns von Jesus anschauen lassen. Frei nach einem Vortrag von Professor Thorsten Dietz würde dieser Jesus dann etwa so zu uns sprechen: Durch mich hört ihr über Gott, wie er wirklich ist, denn ich bin nicht einer von Euch, der es durch große Anstrengung geschafft hat, göttlich zu werden, sondern ich bin Gott, der euch als Mensch begegnet, der jedem mit Liebe begegnet, Dir, dem Kranken, Dir, dem Verlierer, Dir, dem Fehler vermeiden wollenden Fehlermacher, Dir dem Süchtigen, Dir, der Du Dein ganzes Leben nur an Deinen Reichtum gedacht hast, Dir, dem Verräter, Dir, der du in deinem Perfektionismus eingemauert bist, Dir, dem Missbrauchten, Dir, dem ungeliebten Missbraucher, Euch allen gilt meine Botschaft: ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Leben. Ich weiß dass ihr in dieser Welt Angst habt vom ersten Lebenstag an, aber vertraut mir, denn ich habe diese Welt überwunden.

wird fortgesetzt…