Ich stelle mich der Frage:

Gibt es etwas Gutes am Coronavirus? Hat die Pandemie einen Sinn?

Eine christlich ethische Betrachtung aus  Sicht eines Arztes. (M. Bell)

Die Corona Pandemie verändert die Welt. Ich möchte meine Eindrücke und Erfahrungen mit Ihnen teilen. Diese Erfahrungen wachsen in einem Entwicklungsprozess, es kommen im Laufe der Zeit immer neue Aspekte hinzu, so wie ja auch die medizinischen Erkenntnisse über die Infektion seit März 2020 immer detaillierter werden. Ich bearbeite diese Aspekte daher kontinuierlich weiter.

Ich möchte mich dem Thema widmen, in dem ich es mit verschiedenen Brillen betrachte; wie immer im Leben lohnt es sich, die Brille manchmal zu wechseln. Jede der Brillen für sich regt schon zum Nachdenken an. Keine dieser Brillen ist vorn herein grundsätzlich falsch, wir sind aufgrund unserer Erziehung und Erfahrung gewohnt, die Welt durch Brillen zu betrachten. Vertraute Sichtweisen bieten Sicherheit. Die Frage ist aber immer, wohin meine Sichtweise der Dinge mich führt, was macht eine Brille mit meiner Wahrnehmung von mir selbst und von anderen, führt sie mich auf einen guten Weg? Es freut mich, wenn auch Sie, der Leser dieses Textes, zum Nachdenken angeregt werden.

  1. Die Brille der Verunsicherung und Zweifel und die Brille der Wahrheit.

Ich habe im Dezember 2019 und Januar 2020 gedacht, das ganze  beträfe uns nicht. China war weit weg. Kann man der chinesischen Berichterstattung überhaupt trauen? Sind Nachrichten aus China nicht zensiert? Bekommen wir serviert, was wir hören sollen? Nachrichten und Berichterstattung in den Medien haben schon vor langem ihre Unschuld verloren, nicht zuletzt durch den Begriff der Propaganda,  und das Vertrauen in unabhängige wahrheitsgemäße Recherche hat einen Makel, nicht erst seit Donald Trump den Begriff der Fake news populär gemacht hat. Was wir regelmäßig hören und sehen, das halten wir für wahr und richtig.  Und daraus ergeben sich unsere Handlungen. So funktioniert Werbung;  und ein ganzer Ausbildungsgang, die Wirtschaftspsychologie, nutzt die Kenntnisse der Psychologie, um Menschen zum Kauf eines Produkts zu bewegen.  So wurden wir zum Sparen animiert in der Zeit der Bankenkrise 2008; und so werden wir zum Ausgeben von Geld animiert, wenn wir immer wieder hören, die Wirtschaft wachse und der „Geschäftsklimaindex“ sei gut. Seien wir uns also bewusst, dass Botschaften durch ständiges Wiederholen in uns einsickern. Die Brille des Zweifels lehrt uns: pass auf, hinterfrage was du hörst, sei skeptisch.

Mit einer aufmerksamen Grundhaltung steht man nicht allein, sondern befindet sich in guter Gesellschaft. Descartes sagte: „Zweifel sind der Beginn der Weisheit“, Paulus sagt in Thess 5: „Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und das Gute behaltet“, und Jesus sagt in Matth 7: „Hütet euch vor den falschen Propheten! Sie sehen aus wie sanfte Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Was  nützt uns das hier und heute? Ein aktuelles Beispiel, wie Wahrheitsbildung in der Medizin in der heutigen Zeit funktioniert, hat Richard Rox Anderson (Massachusetts Institute of Technology, Massachusetts General Hospital) schon 1985 kritisch so formuliert: „Wenn eine neue Technik oder Instrument durch Zeitungen, Fernsehen, Radio, Frauenmagazine oder andere Formen der Werbung in den Blickpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gebracht worden ist, dann ist die wissenschaftliche Auswertung vorüber und das Rennen hat begonnen. Der schnellste Weg, die Akzeptanz einer medizinischen Technik zu erzwingen, ist die Überzeugung der Öffentlichkeit, die dann umgekehrt die Ärzte überzeugt, die dann Zulassung und Einsatz der Technik einfordern. Wieder einmal ist die  Rationale «Wenn ich es nicht mache, dann wird es jemand anderes tun.»  Dies ist die neue wissenschaftliche Methodik in der Medizin.“ (zitiert bei G.Kautz- Energie für die Haut, 2018, S. 26, und bei C.Raulin – Laser und IPL 2. Auflage 2003 – S. 179).  

Bei vielem neu Gehörten macht es sicher Sinn, es durch Brille des Zweifelns zu betrachten. Aber wir sollten diese  Brille nicht ständig tragen, sonst werden wir in Zweifeln ersticken. Wir sollten Sie immer wieder tauschen gegen die Brille der Wahrheit. Können wir also irgendwie erkennen was wahr ist? Man hat den Eindruck, es gebe mehrere Wahrheiten und Wahrheit wäre das, wovon eine größere Gruppe von Menschen überzeugt ist. Und die Anhänger verschiedener Wahrheiten neigen dann auch noch dazu, die anders denkenden zu diffamieren. Gibt es also eine Wahrheit, die unabhängig von den Interessen von Macht und wirtschaftlichem Erfolg steht – eine Wahrheit, die für alle gilt? Welche Früchte trägt diese Wahrheit?

Ja, ich meine, dass es eine gute Orientierungshilfe zum Finden der Wahrheit gibt. Jesus sagt im Johannes- Evangelium „ich bin die Wahrheit und das Leben.“ Damit entwickelt sich Maßstab, ein Instrument, mit dem wir immer und überall, auch in der Pandemie, alle Meldungen und Äußerungen überprüfen können: Wahr im Sinne Jesu, also im christlichen Sinne, sind diejenigen Nachrichten, die dem Leben dienen, die lebendig machen, die Mut machen, die Angst überwinden helfen, die Hoffnung geben, die Trost spenden, die aus Hunger und Armut heraus führen, die satt machen, die Schwache aufrichten, die freie Meinungen zulassen, die die Menschen fördern in ihren Fähigkeiten, die anerkennen, die persönliche Zuwendung bringen, die Frieden schaffen, die sich für Verständigung einsetzen, die Waffen abbauen, die Vertrauen zwischen den Menschen aufbauen, die gegenseitige Rücksichtnahme als Ziel haben, die die benachteiligten in den Fokus nehmen, also die Armen, Kranken, Behinderten, die Ausgegrenzten und Entwurzelten, die die  Lebensumstände dieser Menschen offenlegen und verbessern wollen, die sich für ein Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur einsetzen, die Gesundheit bis in den letzten Winkel bringen wollen, die gesunde Lebensbedingungen ermöglichen wollen. Nachrichten, die diesen Zielen dienen sind wahre Nachrichten; um Jesu Sprache aufzugreifen: sie dienen der Verwirklichung des Reichs Gottes.  Alle anderen Nachrichten und Botschaften, die diese Punkte ignorieren,  die uns Macht und Reichtum und Luxus als erstrebenswerte Ziele präsentieren, die die Schattenseiten unseres sogenannten zivilisierten Lebens verharmlosen oder verschweigen, die immer die anderen als die Bösen hinstellen, die Angst schüren und Bewaffnung für notwendig erklären und sogar den Einsatz von Gewalt zum Erreichen von Zielen (und seien diese Ziel auch noch so gut) rechtfertigen – all solche Nachrichten wären im christlichen Sinne Fake news. Jesus nennt sich selbst das Licht der Welt, er lädt uns alle ein, auch heute noch, 2000 Jahre nachdem er diese Worte ausgesprochen hat: wenn wir uns auf ihn verlassen, werden wir nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern das Licht des Lebens haben (Johannes 8,12). Er ist das Licht, in dem wir erkennen, welches Ziel die Dinge haben, wofür sie gemacht sind: für das Reich nach menschlichen Maßstäben mit Hierarchien, mit Machtstrukturen, mit der Gier nach Mehr, mit dem Glauben an Stärke durch Waffen und mit der globalisierten Gleichgültigkeit gegenüber den schwächeren – oder für das Reich Gottes, das Anti- Reich ohne Machtstrukturen, in dem die Würde jedes Menschen respektiert wird, in dem der Blick zuerst auf meine Mitmenschen gerichtet ist und dann erst auf mich, in dem Liebe alle Angst vertreibt und Waffen nicht mehr gebraucht werden.

Mit dieser Brille lohnt es sich, alle Nachrichten auf ihren (christlichen) Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, auch die vielen Nachrichten und die unzähligen Meinungen zum Thema Corona. 

Ich habe mich der Frage gestellt: Welche Meldungen und Meinungen dienen denn nun in der beschriebenen Weise dem Wohl der Menschen? Ich finde sie vor allem in den wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Ich finde es erstaunlich, unerwartet, dass unsere Regierung in der Pandemie in diesem Sinne, also im Sinne von „der Wahrheit dienend“ im März so schnell und so gut gehandelt hat. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“: die Früchte sind deutlich erkennbar, Deutschland kommt relativ glimpflich davon, die Zahl der Toten ist im Vergleich zu anderen Ländern gering, die Intensivstationen nicht überlastet. Ich würde mir wünschen, die Regierenden würden auch in anderen Bereichen so – der Wahrheit folgend- entscheiden. Etwa bei ihren Maßnahmen zur Reduktion von Luftschadstoffen, beim Abbau von Bürokratie, bei Deutschlands Rolle als Waffenexporteur, bei der Überernährung unserer Bevölkerung, beim Umgang mit Schlachttieren, bei Steuergerechtigkeit usw. Im Zusammenhang mit Corona aber war sie im Frühjahr 2020 auf einem guten Weg.  In den folgenden Monaten bringt eine geänderte Politik andere Früchte hervor. Das Vermeiden des Lock Down wird wichtiger als der Blick auf die Infektionszahlen. Politik in der Demokratie geht immer Kompromisse ein und das ist auch gut so. Aber natürlich hat all unser Tun immer Folgen. Angel Merkel sagt am 15.10. „Was wir hier tun, ist nicht genug“. Sie, die Physikerin, weiß, was eine Exponentialfunktion ist, sie bemängelt das uneeinheitliche Vorgehen der Bundesländer und die Infektionszahlentwicklung gib ihr Recht. Die Zahl der Kranken und der Toten steigt wieder.

Für uns als kleine Community in der Praxis gewinne ich dies Erkenntnis: seien wir nicht verzagt, wenn wir Verunsicherung in uns spüren. Unser Schöpfer hat uns einen Verstand gegeben, nutzen wir ihn. Im Hinblick auf Corona heißt das für mich und für unsere Praxis:  weiterhin vorsichtig sein, nicht nachlässig werden, Hygienemaßnahmen beibehalten, Hände waschen, Masken tragen als absolute Pflicht usw.. Wir tragen dadurch mit dazu bei, andere zu schützen. Immer wieder begegne ich in der Sprechstunde Menschen, die dankbar sind für jeden gesunden Tag. Durch die Abstandsregeln und das Tragen der Masken leisten wir alle in der Praxis einen kleinen Beitrag, damit unsere Patienten weiter leben können. Das erfüllt mich mit tiefer Freude, das ist Leben, das ist Jesus Botschaft.

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2. Die Brille der Angst und die Brille des Muts:

Februar/ März: In Europa schlug es dann doch zu. Meine Mutter und Schwiegermutter gehören mit ihrem Alter von über 80 Jahren zu den Risikogruppen. Wie schlimm wird es werden? Werden Sie erkranken? Werden Sie es überleben? Kommen Sie mit der Isolation zurecht? Gehöre ich nicht auch zur Risikogruppe?  Die Nachrichten schüren Angst; täglich werden die neuen Entwicklungen gezeigt, im März nahezu rund um die Uhr. Nie zuvor in den letzten 70 Jahren hat ein einziges Thema die Nachrichten so dominiert. Angst ist ein tief in uns allen verwurzeltes Gefühl. Sie hat natürlich auch ihren Sinn, um uns vor Gefahr zu warnen. Wenn sie sich in uns ausbreitet, verändert sie uns. Aus Star Wars wissen wir: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Auch die Bibel kennt den Marsch von Angst zu Leid: schon ganz früh, schon sehr bald nach der Schöpfung: bei Kain und Abel; die Geschichte Kains steht für die Angst als Folge von Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung. Menschen sind als Bedürfniswesen geschaffen. Von Kain können wir lernen, wie wichtig es ist mit dieser Angst auf einer reife erwachsene Weise umzugehen, so dass sie uns nicht beherrscht, denn sonst werden wie handeln wie Kain. Wenn Angst uns steuert,  hat dies Folgen: wenn wir „erfolgreich“ sind erzeugt sie Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Habgier, Überheblichkeit, wenn wir nicht erfolgreich sind erzeugt sie Versagen, Minderwertigkeit, Depression, Armut. Angst führt dazu, dass wir opfern: unsere Zeit opfern wir dem Getriebe der Welt, wir opfern unser Leben – ganz offensichtlich im Krieg, wenn Soldaten unter Ausschaltung der eigenen Urteilsfähigkeit töten und getötet werden, aber auch nicht so offensichtlich sondern versteckt, wenn wir gestresst im Beruf sprichwörtlich bis zum Umfallen arbeiten, wir opfern unsere Gesundheit durch falsche Ernährung, durch Schichtarbeit und ständige Erreichbarkeit, wir opfern unsere Freundlichkeit und unser Mitgefühl, weil wir den Ausspruch „jeder sei seines eigenen Glückes Schmied“ zur Lebensphilosophie gemacht haben, wir opfern unser Familienglück, wenn wir uns um der Karriere willen gegen eigene Kinder entscheiden, wir opfern das Gefühl von Heimat bei uns selbst und bei unseren Kindern, wenn wir uns vom Ehepartner trennen, wir opfern unsere Selbstachtung wenn wir ins Kriminelle oder in die Obdachlosigkeit geraten usw.  Eugen Drewermann sagt: „Opfer ist der Ausdruck der Angst für eine verlorene Güte, die man nicht mehr glauben kann,  aber die man zurück zu erwerben hofft, indem man vom eigenen Glück ständig Abstriche macht.“ Was für eine Tragödie! Angst fordert Opfer, wir opfern etwas von uns selbst oder wir opfern andere. Die Angstbrille führt uns nie auf einen guten Weg. Professor Thorsten Dietz sagt: wenn Angst Dich leitet, dann läufst Du entweder weg oder Du schlägst um Dich. 

Auch in der Pandemie treibt Angst ihre Blüten: Gerüchte über mögliche Schuldige am Virus, Schuldige an der Ausbreitung, Schuldige am Mangel von Schutzausrüstung.

Gibt es denn einen Ausweg? Frisst die Angst unsere Seele? Wie wäre es, die Brille zu wechseln? Was würden wir mit der Brille Jesu sehen? Jesus sagt: verurteilt niemanden, denn ihr alle macht doch selbst Fehler (Joh 8,3-11), wenn ihr also jemandem wegen seines fehlerhaften Verhalten zur Besserung ermahnen wollt, dann beginnt bei euch selbst (Math 7,1-4).  und er sagt: In der Welt werdet ihr hart bedrängt. Doch ihr braucht euch nicht zu fürchten: Ich habe die Welt besiegt (Joh 16,33).

Jesus macht uns Mut zum Glauben. Glaube ist nicht das Gegenteil von Angst. Glaube ist Leben mit Angst, trotz Angst; im Vertrauen darauf dass es einen gibt, der immer etwas größer ist als alles was uns Angst macht.

Die Brille des Muts ist die Brille, mit der wir uns von Jesus anschauen lassen. Frei nach einem Vortrag von Professor Thorsten Dietz würde dieser Jesus dann etwa so zu uns sprechen: Durch mich hört ihr über Gott, wie er wirklich ist, denn ich bin nicht einer von Euch, der es durch große Anstrengung geschafft hat, göttlich zu werden, sondern ich bin Gott, der euch als Mensch begegnet, der jedem mit Liebe begegnet, Dir, dem Kranken, Dir, dem Verlierer, Dir, dem Fehler vermeiden wollenden Fehlermacher, Dir dem Süchtigen, Dir, der Du Dein ganzes Leben nur an Deinen Reichtum gedacht hast, Dir, dem Verräter, Dir, der du in deinem Perfektionismus eingemauert bist, Dir, dem Missbrauchten, Dir, dem ungeliebten Missbraucher, Euch allen gilt meine Botschaft: ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Leben. Ich weiß dass ihr in dieser Welt Angst habt vom ersten Lebenstag an, aber vertraut mir, denn ich habe diese Welt überwunden. Wenn Du also fehlerhaft bist und unter Deinen Fehlern leidest, dann bist Du mir willkommen, ich werde Dir die Fehler nicht anrechnen. Mit mir wirst Du eine neue Chance bekommen, einen besseren Weg zu gehen .

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3. Die Brille des Arztes in der Praxis – ein dreifacher Spagat:

der Arzt in seiner originären Aufgabe in der Versorgung von Patienten, der Arzt als Arbeitgeber mit Verantwortung gegeben über dem Personal und der Arzt in der Verantwortung gegenüber sich selbst (schon Paulus schreibt an die Galater das wer anderen auf den rechten Weg helfen möchte, aufpassen soll dass er dabei nicht selbst zu Fall kommt).

In unserer Praxis mussten mehrfach Änderungen im Sprechstundenablauf umgesetzt werden. Hauptziel: möglichst wenige Menschen gleichzeitig in den Praxisräumen. Das bedeutet: keine offene Sprechstunde mehr, keine mehrköpfigen Familien in die Räume lassen, maximal eine Begleitperson, das Personal so einsetzen, dass maximal drei Mitarbeiter gleichzeitig anwesend sind. Das ist eine 180° Wende zu dem bisherigen Anspruch, möglichst alle Patienten zu versorgen, die unsere Hilfe benötigen. Nicht nur die Patienten sondern auch uns selbst müssen wir schützen, denn wir,  die wir hier arbeiten,  müssen gesund bleiben, sonst können wir niemanden mehr versorgen. Daher müssen wir entscheiden, welche Erkrankungen telefonisch beraten werden können und wer wirklich kommen muss. Das ist ungewohnt. Irgendwie fühlt es sich zunächst nicht richtig an. Patienten mit Erkältungssymptomen dürfen gar nicht in die Praxis kommen. Wir mussten weiter entscheiden: wir beschlossen, unsere chronisch Kranken, Menschen mit Krebs, Allergien und chronischen Erkrankungen wie Schuppenflechte weiter zu versorgen, ferner jene mit akuten Hautkrankheiten, in der Kinderarztpraxis richtete sich der Fokus vor allem auf Vorsorgen und Impfungen, denn der Impfschutz gegen die impfbaren Infektionen ist für die Kinder in der Coronazeit besonders wichtig. Die Grippeimpfung wird im Herbst 2020 besonders wichtig, alle Risikopersonen sollten geimpft werden, denn wenn im nächsten Winter Corona und Influenza gleichzeitig kursieren, dann kann die Mortalität drastisch angsteigen. Wie so oft preschen Politiker mit Aussagen wie der Empfehlung, man solle alle Kinder gegen Grippe impfen nach vorn. Das klingt fürsorglich,  jedoch sind die Rahmenbedingungen völlig ungeklärt, denn zur Zeit (August 2020) haben Kinder nur bei schweren Grundkrankheiten einen Anspruch auf eine Finanzierung der Grippeimpfung durch die gesetzlichen Krankenkassen.

Im März gab es Probleme mit Schutzausrüstung, bis Ende April ist die Materialversorgung deutlich verbessert. Die neue Situation macht nachdenklich. Unter dem Tanzboden, der eigentlichen Sprechstunde mit Patienten ist im Laufe der letzten 20 Jahre ein Netzwerk von Regularien verlegt worden, Vorschriften und Kontrollmechanismen alle Art, die einen immer größeren bürokratischen Aufwand mit sich gebracht hatten, die manchem ärztlichen Kollegen die Freude am Beruf nahezu erstickten. In der Krise zeigt sich nun, dass andere Dinge wirklich wichtig für den Arztberuf sind; die Versorgung der Menschen rückt in den Mittelpunkt. Schon in der Septuaginta, dem griechischen alten Testament finden wir Hinweise auf das eigentlich ärztliche: „Danach lass den Arzt zu dir, denn der Herr hat auch ihn geschaffen; und weise ihn nicht von dir, denn du brauchst auch ihn!  Es kann die Stunde kommen, in der dem Kranken allein durch die Hand der Ärzte geholfen wird; denn auch sie werden den Herrn bitten, dass er’s ihnen gelingen lässt, damit es sich mit dem Kranken bessert und er gesund wird und wieder für sich sorgen kann.“ (Jesus Sirach 38,12-14). Besser kann man es kaum formulieren. Aufgabe von Ärzten, Bedeutung von Ärzten und Demut der Ärzte in zwei Sätzen zusammengefasst; was für eine Leistung des Verfassers dieser Worte.

Arzt und Mitarbeiter können sich in der Pandemie wieder auf ihre eigentliche Rolle besinnen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das Gesundheitssystem durch  Politik und Krankenkassen zunehmend durch die ökonomische Brille betrachtet: Instrumente aus der Industrie wie Qualitätsmanagement und betriebswirtschaftlich orientierte Leitung von Krankenhäusern verbesserten nur Liegestatistiken und Kosten- Nutzen Rechnungen, nicht aber die Versorgung von Kranken. Ärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und medizinische Fachangestellte wurden  als  „Leistungserbringer im Gesundheitswesen“ tituliert, das klingt eigentlich wie ein Störfaktor, ausschließlich unter dem Blickwinkel gesehen, dass ein solcher Leistungserbringer Kosten verursacht. Unter der Pandemie ändert sich der Blickwinkel, die eigentliche Tätigkeit steht wieder im Vordergrund. Ich wünsche mir und allen, die in diesen Berufen arbeiten, dass wir auch nach Corona nicht wieder in die „Normalität“ der letzten Jahre zurück fallen, sondern dass wir zu einer veränderten Normalität gelangen. Respekt und Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die sich für das Wohl der Menschen engagieren, Respekt und liebevolle Hinwendung zum Patienten, und (hoffentlich) endlich die wirkliche Abkehr vom Dokumentations-, Zertifizierungs-, Digitalisierungs-, Qualitätssicherungs- und Gesetzgebungswahn hin zu einer von moderaten Regeln umrahmten, eigenverantwortlichen, freien ärztlichen Tätigkeit in  Respekt und Demut vor unserem Schöpfer.

3a) Die Brille mit Blick auf die Arzthelferin:

Heute ist die offizielle Berufsbezeichnung „Medizinische Fachangestellte“ (MFA). Die Bezeichnung „Arzthelfer(in)“ entstand in den 50er Jahren des 20. Jh. und wurde 2006 durch den neuen Begriff MFA ersetzt. Ich persönlich finde diese Begriffsänderung schade und bevorzuge nach wie vor die Bezeichnung „Helfer(in)“. Ich schätze den Begriff wegen seiner Bedeutung, die er schon ganz am Anfang der Bibel -in der Schöpfungsgeschichte- hat. In dieser Ausführung bin ich inspiriert von Prof Siegfried Zimmers Vortrag zur Schöpfungsgeschichte (www.worthaus.org). Zu Beginn, als der Mensch den Garten Eden genießen und allen Tieren die ihnen passende Namen geben durfte, stellte Gott fest, dass etwas in seiner Schöpfung noch nicht wirklich gut war; es war nicht, gut dass der Mensch allein war. Und so schaffte Gott ihm eine „Hilfe, die ihm genau entspricht.“ (Gen 2,18). Das Wort „Hilfe“ oder „Gehilfin“ (so übersetzte Luther) hat für uns semantisch allzu leicht den Charakter des zweitklassigen, denn es erinnert uns an Worte wie „Hilfskraft“, „Hilfsarbeiter“, „Pflegehelfer“ usw,, alles Begriffe die minder qualifizieren, degradieren. Aber der Text in der  Bibel meint es doch ganz anders: eine „Hilfe, die mir genau entspricht“, die ist also ein genaues Gegenüber, ein gleichwertiges Gegenüber, ein Gegenüber auf Augenhöhe, das zu mir passt, das mich ergänzt, das mich erst vollständig macht; dieses Gegenüber ist meine Rettung, sie mach mich ganz. Eine solche Wertschätzung steckt in dem Wort Hilfe oder Gehilfin. Und eine solche Hilfe habe ich gern in meiner Praxis, sie macht die Arbeit des Arztes erst komplett, sie hat den gleichen Wert wie der Arzt, sie ist für die tägliche Arbeit genauso wichtig wie der Arzt. In dem Wort „Arzthelferin“ steckt daher für mich eine große Wertschätzung; deshalb liebe ich diese Bezeichnung. „Medizinische Fachangestellte“ – das klingt für mich zu sehr nach Büro; und die Aufgaben einer Arzthelferin sind so viel mehr als Büroarbeit. In der Zeit der Pandemie spüre ich noch intensiver als sonst, wie wertvoll die Arzthelferin ist. Und ich bin dankbar für die Mitarbeiter, Ärzte und Helferinnen machen mit ihren Stärken und Schwächen das Bild der Praxis wunderschön bunt.

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4. Die Klage Brille, die Brille des Danks und die Brille der Umkehr: 

Klagen hören wir in diesen Tagen reichlich. Eltern klagen, dass ihre Kinder nicht in Kindergarten oder Schule gehen können, die Fluggesellschaften klagen, dass 8 von 10 Flugzeugen nur noch am Boden stehen, die Automobilbranche verkauft keine Autos, die Deutschen reisen nicht mehr genug, die Partys fallen aus, die Freizeitparks sind geschlossen bzw lassen nur eine bestimmte Anzahl Besucher eintreten usw. usw. Ist Klagen für Deutsche etwas Typisches? Wie oft wird die Frage „Wie geht es Dir?“ beantwortet mit „Ich kann nicht klagen!“,  oder die Frage „wie schmeckt das Essen“ mit „Gar nicht schlecht!“ oder „der Chef schein Dich zu mögen, in drei Monaten hast Du noch keinen Anschiss bekommen.“

Was ist mit mir oder mit der Praxis in der Pandemie, hab ich Grund zum Klagen? Was hat sich für mich denn verändert: Meine Frau und ich gehen nur noch selten mittags ins Restaurant sondern kochen wieder selber oder holen uns Mittagessen zum mitnehmen;  ich sehe, dass mein Umsatz um 30% zurück geht;  ich durfte zunächst meine Mutter nicht besuchen, die schon alt und nicht mehr gesund ist, ich darf meine Freunde nicht besuchen, mein geplanter Sommerurlaub fällt aus, die Hochzeitsfeier meiner Tochter drohte zunächst ganz auszufallen, dann fanden zumindest das Standesamt und eine kleine Feier mit 18 Personen statt. Sollte ich mich also beklagen?

Bei dem Wort „Klage“ fallen mir zwei Personen ein: Die eine war meine Patentante, sie hatte einen angeborenen Herzfehler und musste sich ihr Leben lang schonen, sie war niemals auf Reisen, niemals im Urlaub, immer zuhause, Haushalt, Ehemann, Kind, Gemüsegarten. Die Hausarbeit, das Bearbeiten des Gartens und das Verarbeiten seiner Früchte machten den großen Teil ihres Lebens aus. Alle Arbeiten gingen immer nur langsam, denn Hast und Last verkraftete ihr Herz nicht. Wann immer ich meine Tante fragte wie es ihr gehe, antwortete sie: „ich bin zufrieden“ – und diese zufriedene Ausstrahlung hatte sie auch, bis zum Schluss, und sie wurde immerhin trotz ihrer Herzerkrankung 70 Jahre alt.

Die zweite Person, die mir zum Stichwort „Klage“ einfällt ist Hiob, also der aus dem gleichnamigen Buch der Bibel.  Klagen ist biblisch. Klage ist die Reaktion des Menschen auf Leid. Im Leid fühlen wir uns von Gott verlassen. In der Klage geht es angesichts des Leids immer um die Fragen Warum? und Wie lange noch? Mit solchem Leid meint die Bibel aber nicht den Verlust, den ich empfinden wenn mein Auto gestohlenen wurde oder mein Gefühl wenn alle um mich herum das neuere, schickere Mobiltelefon haben oder wenn meine Freunde Reisen unternehmen die ich mir nicht leisten kann. Nein, Leid in der Bibel ist schweres Leid – Ereignisse, die das Leben dauerhaft schwerwiegend beeinträchtigen oder gar beenden, die dauerhaft krank oder invalide machen, die ausgrenzen ohne Aussicht auf Besserung oder Heilung. Wenn wir betroffen sind, weil wir selber erkrankt sind oder einen Angehörigen verloren haben, dann dürfen wir klagen (und tun es oft nicht ausreichend, sondern gehen lieber wieder möglichst bald zum Tagesgeschäft über). So wie Hiob, so habe ich selbst schon erlebt, dass Gott sich im tiefen Leid mir zugewandt hat, mich selbst schon einmal vor dem Tode errettet hat. Ich habe erlebt, was es heißt, nicht tiefer als in Gottes Hände fallen zu können. Klagen unter Corona, ja – für die Kranken, die Leidenden, die Sterbenden, und für deren Angehörige. Klagen unter Corona wegen wirtschaftlicher Einbußen? weil Kinder zuhause sind? weil ich nicht ans Ende der Welt fliegen kann? Es lohnt sich nachzudenken.

Vielleicht gelingt es dann, die Brille auszutauschen? Vielleicht gegen die Brille des Dankes?

Wofür ich selber dankbar bin:

  • Die Zahl der Corona Toten in Deutschland ist im Vergleicht zu anderen Ländern relativ gering.
  • Mehrere mir nahe stehende Menschen, die in Praxen, Fieberambulanzen und Krankenhäusern selbst Coronakranke betreut haben, blieben bisher von der Infektion verschont
  • schon seit Jahren habe ich zuhause keine so klare frische Luft mehr geatmet wie im April und im Mai 2020. Die Zahl der Kinder mit Pseudokrupp- Husten in der Praxis, die in den letzten 20 Jahren kontinuierlich angestiegen war, sank auf Null. Kein Inhalator musste mehr verordnet werden. Im Juli mit Lockerung der Maßnahmen änderte sich das wieder.
  • seit Jahren habe ich nicht mehr über Wochen hinweg einen derart blauen Himmel gesehen, ohne Wolken und ohne Kondensstreifen. Was für ein wunderschöner Sonnenaufgang, ein unglaublich schöner Farbenmix am Horizont. Ich denke an das Anbetungslied  Poiema („Ich kenne Künstler, die ich wirklich bewunder, doch auf keinem ihrer Bilder geht die Sonne bunter unter als in Wirklichkeit – aus Deiner Hand bin ich…“). Auf Satellitenbildern der NASA kann ich sehen wie in vielen Ländern der Erde die Staubpartikel in der Luft geringer wurden. Die Tagesschau zeigt Aufnahmen von Indien, vor einem Jahr und jetzt; was für ein Unterschied.
  • es ist ruhiger geworden: April, Mai und Juni waren voll von morgendlichem Vogelgezwitscher, das ich so schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte,
  • ich habe mehr Zeit: für die Familie, den Hund, das Aufräumen und Ausmisten.
  • der Druck ist weg: kein voller Terminkalender mehr. Die Zahl der Veranstaltungen außerhalb der Sprechstunde ist drastisch reduziert; Fortbildungen, Qualitätszirkel, Kongresse. Erst jetzt, da der Trubel des Alltags deutlich zurückgefahren ist, wurde mir klar, dass ich auch mit viel weniger solcher Veranstaltungen zurecht komme.
  • Ich stelle fest, dass das Kochen für die Familie zuhause nur einen Bruchteil von dem kostest, was im Restaurant ausgegeben wurde, und das gemeinsame Kochen macht Freude.
  • Ich stelle fest, dass ich ohne mir dies vorgenommen zu haben, viel seltener im Auto sitze, meine gefahrenen Autokilometer sind in 2020 gegenüber dem Vorjahr fast auf die Hälfte gesunken. Dazu kommt, dass der geringere Kraftstoffbedarf in der Bevölkerung die Preise an der Tankstelle fallen ließ. Ich kann also mein vermindertes Einkommen kompensieren, allein durch die Faktoren Essen und Auto.
  • Ich stelle fest, wie schön es ist, mit dem Fahrrad in die Praxis zu fahren, die Luft, die Aussicht und die körperliche Bewegung tun einfach gut.

Natürlich vermisse ich auch einiges, vor allem die Kontakte mit Freunden. Aber ich möchte sie nicht gefährden. Sollte ich selber erkranken und wäre schon 1- 2 Tage vor Ausbruch der Symptome ansteckend, könnte ich meinen Freunden die Infektion bringen. Das wäre eine schwere Last. So beschränken sich die Sozialkontakte auf Telefon und das Schreiben. Und ich will nicht klagen, sondern bin dankbar, dass ich selbst gesund bin, dass meine Freunde gesund sind und dass ich auf diese Weise mit ihnen reden kann.

Wenn man die Brille der Klage umdreht, wird sie zu einer Brille der Umkehr. Corona kann uns nicht nur lehren, einen dankbaren Blick zu entwickeln sondern durch Änderung unserer Einstellung eine innere Zufriedenheit zu erleben. Die innere Freiheit, die Unabhängigkeit von den Zwängen, Ängsten und Verführungen dieser Welt ist Jesu Botschaft, ist das Evangelium.

Jesus sagt: „…dann kommen die Sorgen des Alltags, die Verführung durch den Wohlstand und die Vergnügungen des Lebens und ersticken Gottes Botschaft, so dass keine Frucht daraus entstehen kann.“ (Lukas 8,14). Was mit Frucht gemeint ist, listet Paulus auf, er nennt sie die Früchte des heiligen Geistes: Liebe, Freude und Frieden; Geduld, Freundlichkeit und Güte; Treue, Nachsicht und Selbstbeherrschung. Ja, wir kommen immer wieder, jeden Tag, an einen Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen. Und die Pandemie bringt viele solcher Momente zum Vorschein, und die Entscheidung ist immer die gleiche: mache ich mir Sorgen, lasse ich mich von Angst leiten oder betäube ich diese meine Angst in Luxus und Wohlstand? Mache ich mit in dem Spiel „Wirtschaftswachstum über alles“, obwohl ich weiß, dass es nicht gesund ist, dass es Leid, Krankheit und Armut produziert –  mache ich also trotzdem weiter mit, weil  meine Trägheit mich am Aussteigen hindert so dass ich in einem schlechten Spiel teilnehme, denn da weiß ich wenigstens was ich habe?  

Oder wage ich den Schritt, mich auf den zu verlassen, von dem sowohl Luther als auch die Muslime sagen, dass er immer größer ist als alles andere, der mir mit seinen Früchten wirkliche innere Zufriedenheit und freies Leben schenkt? Wenn Du wirklich suchst, wirst Du finden, wenn Du anklopfst, wird man Dir öffnen, sagt Jesus (Matth. 7,8). Corona schenkt uns die Option, es noch einmal zu versuchen, ihn zu finden. Für viele war das Leben in den letzten Jahren in Deutschland ein Rausch des Amüsements – übersättigt mit Freizeitangeboten alle Art und zu für die meisten erschwinglichen Preisen. Ja, Gottes Botschaft hat viel Konkurrenz in einem wohlhabenden Land. Die Pandemie wirft uns zurück auf die basalen Dinge des Lebens, das was wirklich zählt. Und bei dem was wirklich zählt, jetzt und am Ende unserer Tage, da ist Gott absolut konkurrenzlos. „Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich,“ spricht Gott in Jeremia 29. Was für eine Einladung. Hallelujah!

wird fortgesetzt…