Gott sagt: „Ich bin der Herr, Dein Arzt.“ (2. Mose 15.16).

Ich beginne diesen Abschnitt mit der Lutherübersetzung von Exodus 15,26. In anderen Übersetzungen heißt es „Ich bin Jahwe, der Dich heilt“.  (Prof. Siegfried Zimmer erläutert, dass das Wort „Jahwe“ nach Erkenntnissen der modernen Bibelforschung am ehesten übersetzt werden kann  mit „ich bin für Dich da“).  

Ein Satz, der uns Ärzten gut tut, denn er bewahrt uns vor der hochmütigen Selbstüberschätzung unseres Berufs und unserer Person. Er entlastet uns zugleich von überzogenen Erwartungen.

„Medicus curat, natura sanat, deus salvat“. Es ist nicht ganz klar, von wem dieser Satz ursprünglich stammt. „Der Arzt kümmert sich/ sorgt sich/ behandelt, die Natur bessert/ heilt, Gott rettet. Der Arzt unterstützt die Heilungskräfte der Natur, die jeder Pflanze und jedem Lebewesen innewohnen, so auch dem Menschen. Der Arzt näht und verbindet die Wunde, aber die eigentliche Heilung ist ein natürlicher Prozess. Und es gibt Wunden, die trotz ärztlicher Kunst nicht heilen.

Die Brille des Arztes in der Praxis – ein dreifacher Spagat: der Arzt in seiner originären Aufgabe in der Versorgung von Patienten, der Arzt als Arbeitgeber mit Verantwortung gegenüber dem Personal und der Arzt in der Verantwortung gegenüber sich selbst (schon Paulus schreibt an die Galater, dass wer anderen auf den rechten Weg helfen möchte, aufpassen soll dass er dabei nicht selbst zu Fall kommt; das gilt auch für den Arztberuf).

In unserer Praxis mussten und müssen während der Pandemie mehrfach Änderungen im Sprechstundenablauf umgesetzt werden. Hauptziel: möglichst wenige Menschen gleichzeitig in den Praxisräumen. Das bedeutet: keine offene Sprechstunde mehr, keine mehrköpfigen Familien in die Räume lassen, maximal eine Begleitperson, das Personal so einsetzen, dass maximal vier Mitarbeiter gleichzeitig anwesend sind. Das ist eine 180° Wende zu dem bisherigen Anspruch, möglichst alle Patienten zu versorgen, die unsere Hilfe benötigen. Nicht nur die Patienten sondern auch uns selbst müssen wir schützen, denn wir, die wir hier arbeiten, müssen gesund bleiben, sonst können wir uns um unsere Patienten nicht mehr kümmern. Daher müssen wir entscheiden, welche Erkrankungen telefonisch beraten werden können und wer wirklich kommen muss. Das ist ungewohnt. Irgendwie fühlt es sich zunächst nicht richtig an. Patienten mit Erkältungssymptomen dürfen gar nicht in die Praxis kommen. Wir mussten weiter entscheiden: wir beschlossen, unsere chronisch Kranken, Menschen mit Krebs, Allergien und schweren Erkrankungen wie Schuppenflechte weiter zu versorgen, ferner jene mit akuten schwer wiegenden Hautkrankheiten, in der Kinderarztpraxis richtete sich der Fokus vor allem auf Vorsorgen und Impfungen. Wir sind seit Beginn unserer Tätigkeit Befürworter von Impfungen. Impfungen können Leben retten, nicht nur das eigene, sondern auch das von schwer kranken Menschen im Umfeld. Wer sich impfen lässt, nimmt seine soziale Verantwortung für den Mitmenschen wahr. Somit wird Impfen in der Coronazeit besonders wichtig, hier vor allem die Grippeimpfung im Herbst 2020, denn wenn Corona und Influenza gleichzeitig kursieren, dann kann die Mortalität drastisch ansteigen. So ist die Nachfrage nach Grippeimpfstoff denn auch deutlich höher als in den Vorjahren. Im Dezember haben wir fast allen Grippeimpfstoff verimpft..

Ein ganz neues, bis dahin seit meinem Studium im ganzen Berufsleben nicht gekanntes Problem ergab sich im März 2020: es gab für fast 6 Wochen keine Schutzausrüstung. Die neue Situation machte sehr nachdenklich. Unter dem Tanzboden, der eigentlichen Sprechstunde, ist im Laufe der letzten 20 Jahre ein Netzwerk von Regularien verlegt worden, Vorschriften und Kontrollmechanismen alle Art, die einen immer größeren bürokratischen Aufwand mit sich gebracht hatten, die manchem ärztlichen Kollegen die Freude am Beruf nahezu ersticktem, die einige mit dem vorzeitigen Ruhestand beantworteten. 44 Gesetze und Verordnungen, 25 Unfallverhütungsvorschriften und technische Regeln, 20 Vorschriften zur Hygiene, das sind zusammen mehr als 2500 Seiten Text, die nicht nur einfach gelesen werden wollen (und sie lesen sich bei weitem nicht so schön wie eine Geschichte) und eine Umsetzung in Arbeitsanweisungen für die tägliche Arbeit erfordern. Viel Zeitaufwand für diese ach so wichtigen Dinge, aber ein kleines Virus zeigt uns, dass wir den Zenit in unserem Bemühen nach sicheren und geregelten Abläufen längst überschritten haben und in einem Zustand der Überregulierung angekommen sind.  

In der Pandemie erkennen wir die Dinge, die wirklich wichtig für den Arztberuf sind; die Versorgung der Menschen rückt in den Mittelpunkt. Schon in der Septuaginta, dem griechischen alten Testament finden wir Hinweise auf das eigentlich ärztliche: „Danach lass den Arzt zu dir, denn der Herr hat auch ihn geschaffen; und weise ihn nicht von dir, denn du brauchst auch ihn!  Es kann die Stunde kommen, in der dem Kranken allein durch die Hand der Ärzte geholfen wird; denn auch sie werden den Herrn bitten, dass er’s ihnen gelingen lässt, damit es sich mit dem Kranken bessert und er gesund wird und wieder für sich sorgen kann.“ (Jesus Sirach 38,12-14). Besser kann man es kaum formulieren. Aufgabe von Ärzten, Bedeutung von Ärzten und Demut der Ärzte in zwei Sätzen zusammengefasst; was für eine Leistung des Verfassers dieser Worte. Arzt und Mitarbeiter können sich endlich  wieder auf ihre eigentliche Lebensaufgabe besinnen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das Gesundheitssystem durch  Politik und Krankenkassen zunehmend durch die ökonomische Brille betrachtet: Instrumente aus der Industrie wie Qualitätsmanagement und betriebswirtschaftlich orientierte Leitung von Krankenhäusern „verbesserten“ nur Liegestatistiken und Kosten- Nutzen Rechnungen, nicht aber die Versorgung von Kranken. Ärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und medizinische Fachangestellte wurden  als  „Leistungserbringer im Gesundheitswesen“ tituliert, das klingt eigentlich wie ein Störfaktor, ausschließlich unter dem Blickwinkel gesehen, dass ein solcher Leistungserbringer Kosten verursacht. Unter der Pandemie ändert sich der Blickwinkel, die eigentliche Tätigkeit steht wieder (etwas) mehr im Vordergrund. Ich wünsche mir und allen, die in diesen Berufen arbeiten und allen, die ärztlichen Rat brauchen, dass wir auch nach Corona nicht wieder in die „Normalität“ der letzten Jahre zurück fallen, sondern dass wir zu einer veränderten Normalität gelangen. Auf der einen Seite Respekt und Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die sich für das Wohl der Menschen engagieren, auf der anderen Seite Respekt und liebevolle Hinwendung aller Mitarbeiter im Gesundheitswesen zum Patienten, schließlich Respekt und Dankbarkeit gegenüber unserem Schöpfer, dem, der alles gemacht hat und der die Welt so sehr liebt, dass er seinen eigenen Sohn ans Kreuz schlug. Das sind für mich die drei Seiten eines Tetraeders die den Arztberuf charakterisieren; und die Basis dieses Tetraeders ist Jesus, auf dem und mit dem das ganze Gebilde fest steht. Demgegenüber wirkt das aufgeblasene System von Dokumentation, Zertifizierung, Akkreditierung, Digitalisierung, Qualitätssicherung und immer neuen Gesetzen, Regeln und Vorschriften wie die hamsterrad- ähnliche Suche nach Heil und Rettung durch Technik. Aber Technik ist nur ein Hilfsmittel und sollte nicht zum anbetungswürdigen Heilbringer erhoben werden. Ärzte verbringen heute viel Zeit mit technischen Problemen, mit dem Erfüllen bürokratischer Anforderungen – zu Lasten der Zeit, die sie mit ihren Patienten verbringen. . Das ist nicht richtig. Der Tetraeder ärztlichen Handelns sollte von innen kommen, aus einer Ethik, die die Menschen liebt und die zum Verzeihen bereit ist. Technik und Regeln sind wichtige Begleiter dieser Ethik, aber dürfen nicht an ihre Stelle treten. Freie ärztliche Tätigkeit, das ist eine Arbeit in Frieden mit Gott und mich sich selbst.