2. Die Brille der Angst und die Brille des Muts

Februar/ März: In Europa schlug es dann doch zu. Meine Mutter und Schwiegermutter gehören mit ihrem Alter von über 80 Jahren zu den Risikogruppen. Wie schlimm wird es werden? Werden Sie erkranken? Werden Sie es überleben? Kommen Sie mit der Isolation zurecht? Gehöre ich nicht auch zur Risikogruppe?  Die Nachrichten schüren Angst; täglich werden die neuen Entwicklungen gezeigt, im März nahezu rund um die Uhr. Nie zuvor in den letzten 70 Jahren hat ein einziges Thema die Nachrichten so dominiert. Angst ist ein tief in uns allen verwurzeltes Gefühl. Sie hat natürlich auch ihren Sinn, um uns vor Gefahr zu warnen. Wenn sie sich in uns ausbreitet, verändert sie uns. Aus Star Wars wissen wir: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Auch die Bibel kennt den Marsch von Angst zu Leid: schon ganz früh, schon sehr bald nach der Schöpfung: bei Kain und Abel; die Geschichte Kains steht für die Angst als Folge von Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung. Menschen sind als Bedürfniswesen geschaffen. Von Kain können wir lernen, wie wichtig es ist mit dieser Angst auf einer reife erwachsene Weise umzugehen, so dass sie uns nicht beherrscht, denn sonst werden wie handeln wie Kain. Wenn Angst uns steuert,  hat dies Folgen: wenn wir „erfolgreich“ sind erzeugt sie Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Habgier, Überheblichkeit, wenn wir nicht erfolgreich sind erzeugt sie Versagen, Minderwertigkeit, Depression, Armut. Angst führt dazu, dass wir opfern: unsere Zeit opfern wir dem Getriebe der Welt, wir opfern unser Leben – ganz offensichtlich im Krieg, wenn Soldaten unter Ausschaltung der eigenen Urteilsfähigkeit töten und getötet werden, aber auch nicht so offensichtlich sondern versteckt, wenn wir gestresst im Beruf sprichwörtlich bis zum Umfallen arbeiten, wir opfern unsere Gesundheit durch falsche Ernährung, durch Schichtarbeit und ständige Erreichbarkeit, wir opfern unsere Freundlichkeit und unser Mitgefühl, weil wir den Ausspruch „jeder sei seines eigenen Glückes Schmied“ zur Lebensphilosophie gemacht haben, wir opfern unser Familienglück, wenn wir uns um der Karriere willen gegen eigene Kinder entscheiden, wir opfern das Gefühl von Heimat bei uns selbst und bei unseren Kindern, wenn wir uns vom Ehepartner trennen, wir opfern unsere Selbstachtung wenn wir ins Kriminelle oder in die Obdachlosigkeit geraten usw.  Eugen Drewermann sagt: „Opfer ist der Ausdruck der Angst für eine verlorene Güte, die man nicht mehr glauben kann,  aber die man zurück zu erwerben hofft, indem man vom eigenen Glück ständig Abstriche macht.“ Was für eine Tragödie! Angst fordert Opfer, wir opfern etwas von uns selbst oder wir opfern andere. Die Angstbrille führt uns nie auf einen guten Weg. Professor Thorsten Dietz sagt: wenn Angst Dich leitet, dann läufst Du entweder weg oder Du schlägst um Dich. 

Auch in der Pandemie treibt Angst ihre Blüten: Gerüchte über mögliche Schuldige am Virus, Schuldige an der Ausbreitung, Schuldige am Mangel von Schutzausrüstung.

Gibt es denn einen Ausweg? Frisst die Angst unsere Seele? Wie wäre es, die Brille zu wechseln? Was würden wir mit der Brille Jesu sehen? Jesus sagt: verurteilt niemanden, denn ihr alle macht doch selbst Fehler (Joh 8,3-11), wenn ihr also jemandem wegen seines fehlerhaften Verhalten zur Besserung ermahnen wollt, dann beginnt bei euch selbst (Math 7,1-4).  und er sagt: In der Welt werdet ihr hart bedrängt. Doch ihr braucht euch nicht zu fürchten: Ich habe die Welt besiegt (Joh 16,33).

Jesus macht uns Mut zum Glauben. Glaube ist nicht das Gegenteil von Angst. Glaube ist Leben mit Angst, trotz Angst; im Vertrauen darauf dass es einen gibt, der immer etwas größer ist als alles was uns Angst macht.

Die Brille des Muts ist die Brille, mit der wir uns von Jesus anschauen lassen. Frei nach einem Vortrag von Professor Thorsten Dietz würde dieser Jesus dann etwa so zu uns sprechen: Durch mich hört ihr über Gott, wie er wirklich ist, denn ich bin nicht einer von Euch, der es durch große Anstrengung geschafft hat, göttlich zu werden, sondern ich bin Gott, der euch als Mensch begegnet, der jedem mit Liebe begegnet, Dir, dem Kranken, Dir, dem Verlierer, Dir, dem Fehler vermeiden wollenden Fehlermacher, Dir dem Süchtigen, Dir, der Du Dein ganzes Leben nur an Deinen Reichtum gedacht hast, Dir, dem Verräter, Dir, der du in deinem Perfektionismus eingemauert bist, Dir, dem Missbrauchten, Dir, dem ungeliebten Missbraucher, Euch allen gilt meine Botschaft: ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Leben. Ich weiß dass ihr in dieser Welt Angst habt vom ersten Lebenstag an, aber vertraut mir, denn ich habe diese Welt überwunden. Wenn Du also fehlerhaft bist und unter Deinen Fehlern leidest, dann bist Du mir willkommen, ich werde Dir die Fehler nicht anrechnen. Mit mir wirst Du eine neue Chance bekommen, einen besseren Weg zu gehen.